In einer repräsentativen Demokratie machen erst die Wähler ihre Kreuzchen und danach treten die Mandatsträger zusammen und befinden darüber, wie sie das Wahlgergebnis zu interpretieren wünschen.
In Neukölln haben CDU und SPD seit langem eine satte, gleichwohl schrumpfende Mehrheit der tatsächlichen Wähler. Die sinkende Wahlbeteiligung ist ebenso ein Indikator für die schrumpfende Basis des Modells von Repräsentation wie wie steigende Zahl derjenigen, die ungültig wählen - auch wenn in diesem Wahljahr die Piraten eine kleine Umkehr dieses speziellen Trends verursacht haben.
In Neukölln hat die SPD satte 43% der abgegebenen Stimmen bekommen, die CDU kam auf 20%, jeweils in Abweichung vom Landesergebnis, wo die CDU deutlich mehr und die SPD deutlich weniger Stimmen erhielt. Man wird also folgern müssen, dass die SPD mit Buschkowsky an der Spitze im CDU-Lager fleissig Stimmen gesammelt hat. Buschkowsky ist eben in beiden Lagern populär. Dennoch, um die Relationen klarzustellen, hat die SPD nur 49.725 Stimmen erhalten. (Zum Vergleich: die Zahl der Menschen, die ALG-II beziehen und in Bedarfsgemeinschaften leben, dürfte bei 70.000 liegen.)
Im Norden Neuköllns, wo die Schmuddelkinder wohnen, sehen die Verhältnisse freilich ganz anders aus. Grüne, Linke und Piraten haben hier eine satte Mehrheit unter den abgegebenen Stimmen. Freilich ist die Wahlbeteteiligung deutlich niedriger, nämlich unter 50%, was wiederum bedeutet, daß sich viele Menschen von der Politik insgesamt und allgemein nicht mehr repräsentiert sehen.
Das sich die Politik Neuköllns auf diese Weise verteilt, ist kein Zufall. Im Süden Neuköllns wohnt eher die Mittelschicht – bezogen auf die Selbstwahrnehmung. Wer arm ist und/oder migrantisch, wer alternative Wohn- und Lebensmodelle pflegt, wer zudem die Mobilität zu Arbeit oder Ausbildung ohne Auto bevorzugt, wohnt tendenziell im Norden.
Die S-Bahn stellt somit eine Art Scheidelinie dar, zwischen den unterschiedlichen Kulturen im Bezirk. So sehr die Aussage richtig ist, dass es die klassischen Milieus nicht mehr gibt, so gibt es nach wie höchst unterschiedliche Kulturen, was sich auch im Wahlverhalten niederschlägt. Rechnet man noch hinzu, dass es auch migrantische Kulturen (im Plural) gibt, zeigt sich, daß die kulturelle Diversität im Norden des Bezirkes erheblich grösser ist, als im Süden, wo die deutsche Mittelschichtskultur dominiert und vielleicht noch ein ganz kleines bisschen behaupten kann, die hegemoniale Kultur zu sein, die man täglich im Fernsehen als vorbildlich bestaunen kann - in der Mittelschichtskultur hat man auch tatsächlich eines.
Der alte und neue Bürgermeister Buschkowsky darf sich berufen fühlen, für diese zu sprechen und mit ihm die Mandatsträger der Rathaus-Mehrheit. Immerhin erreichen sie auf Bezirksabene mehr als 60 Prozent der Wählerstimmen.
Wenn ich mir allerdings die Erklärung von CDU und SPD in der BVV zur Bildung ihrer „Zählgemeischaft“ (so eine Art Koalition auf Bezirksebene) ansehe, überfällt mich das kalte Grausen. Der Zweck ihrer Zählgemeinschaft, so wird erkennbar, besteht nur noch darin, sich gegen die Grünen und gegen die bisherige Stadträtin Gabriele Vonnekold abzugrenzen. Die Argumente dafür sind dumm, dürftig, scheinheilig, verlogen, vorgeschoben. Es würde mich sehr wundern, wenn sie selbst daran glauben.
Man wirft der Stadträtin für Jugend vor, sie habe ihr Amt schlecht geführt. Katastrophal schlecht. (Wir haben in diesem blog darüber berichtet und sparen uns deshalb auch die Einzelheiten). Deshalb werde man sie auch keinesfalls wieder als Stadträtin für irgendwas wählen – die fünf Stadtratsposten werden nach Mehrheitsverhältnissen besetzt, müssen aber von der BVV-Mehrheit bestätigt werden. Es ist lächerlich, der Jugendstadträtin vorzuwerfen, sie habe ihr Budget um ein paar Millionen überzogen, was aufgrund der steigenden Kosten für HzE (Hilfe zur Erziehung, immerhin im Bedarfsanfall aufgrund eines Rechtsanspruches zu bewilligen) in fast allen Berliner Bezirken der Fall ist. Während sich die Beton-Fraktion vor Freude in die Hosen macht, daß eine Autobahn gebaut wird, die ca. 1.000mal so viel kostet, mit steigender Tendenz. Es handelt sich um eine Frage der politischen Kultur und Ästhetik: Asphalt ist schön, das lässt man sich was kosten. Da muß man eben Prioritäten setzen, nicht?
Ich habe keine Ahnung, ob es zulässig ist, auf diese Weise das Bezirksamt besetzen zu wollen. Bisher wurden die Stadträte kollegial ausgehandelt, den jeweiligen Fraktionen stand ein Vorschlagsrecht zu, welches auch respektiert wurde. Die Rathaus-Mehrheit will jetzt nicht nur die Ressort-Verteilung selbst bestimmen, sie will auch bestimmen, welche Person aus der Minderheitsfraktion das Ressort, welches sie selbst bestimmt haben, wahrnehmen soll. Meine Interpretation: Auch nach dem Regeln der parlamentarischen Demokratie fragwürdig. Und das alles mit einer Begründung, daß es im Rathaus zum Himmel stinkt.
Zweierlei ist abzuleiten: Die Zählgemeinschaft hat überhaupt keine Grundlage, die sich als politische Zielstellung, als das, was man gemeinhin als Inhalt bezeichnet, beschreiben liesse. Ihre gemeinsame, echte Grundlage ist woanders zu suchen. Mir scheint, daß sie in der politischen Kultur begründet ist, für die beide Parteien in diesem Bezirk stehen. Es geht um die Abgrenzung gegen alles, was sich in Berlin und in Neukölln und anderswo an politischem, gesellschaftlichem und sozialem Wandel vollzieht. Derzeit schlittern wir auf eine Krise zu, die politische Kultur in Deutschland wird davon zunehmend beeinflusst. Und die verschiedenen Lager – die sozialen und politischen Lager - reagieren darauf in unterschiedlicher Weise. Ich denke, daß die Mittelschicht und ihre politischen Repräsentanten sich noch mehr als bisher gegen diese Bedrohung und gegen die krisenhaft bedingten Veränderungen abzugrenzen sucht. Sie geben dabei eine überzeugende Figur ab, wie jemand, der unter seiner Aktentasche Schutz vor dem Atompilz sucht. Wer diesen blog aufmerksam gelesen hat, wird häufiger die Formulierung „Beton-Fraktion“ finden.
Die SPD Neuköllns stellt in der Partei Berlins schon seit langem den rechten Flügel und hat seit langem darauf hingearbeitet, nach den Wahlen keinen rot-grünen Senat, sondern eine große Koalition zu bilden. Wahrscheinlich auch deshalb, weil das System Buschkowsky sich mit dem vom Diepgen-Landowski-Strieder-Senat gepflegten System von Vettern- und Klientelwirtschaft innigst verbunden fühlte, sofern man nur genug der öffentlichen Ressorcen auf die eigenen bzw. die Mühlen der eigenen Klientel lenken kann. Insofern ist die große Koalition ganz nach dem Geschmack der hiesigen Partei. Und wenn die arbeitslosen Schmuddelkinder sich dann noch aufgrund abgesenkter AV Wohnen aus dem Bezirk verpissen, wohin auch immer, dann, ja dann hat die SPD in Neukölln Grund zum feiern.
So nebenbei darf man auch vermuten, daß die bisherige Landschaft der freien Träger in der Jugendarbeit des Bezirkes peu-à-peu in Richtung rot-schwarz-genehmer Träger umgeschichtet wird. Das wird sich nicht auf einmal vollziehen, aber nicht weniger nachhaltig. Am Ende davon steht eine Trägerlandschaft, in der, wie bisher im Umkreis des Ressorts Soziales/Jobcenter, wo Sachkompetenz durchaus auch mal anzutreffen ist, aber als absolute Ausnahme. Aber die Beton-Fraktion hat ihr Ziel erreicht und deshalb selbstgerecht schweigen, so wie bisher im Bereich Soziales, worunter allerdings nur die Schmuddelkinder zu leiden hatten und deren Stimme zählt nicht.
Die heraufziehende Krise wird zudem weitreichende soziale Verwerfungen nach sich ziehen. Die immer neuen Krisenschirme werden für eine explodierende Staatsverschuldung sorgen, bei gleichfalls steigender (tatsächlicher) Arbeitslosigkeit und Unterbeschäftigung. Die Folge davon könnten auch in Deutschland Massenproteste sein, wie derzeit in den USA, in Spanien oder Griechenland. Da braucht man eine starke Polizei samt Staatstrojaner. Denn dazu gibt es bekanntlich keine Alternative und die muß mit Polizei und Militär durchgesetzt werden.
Denn: „Wenn der Wind der Veränderung weht, bauen die einen Mauern und die anderen hissen die Segel.“ Nun raten Sie mal, was in Neukölln und Berlin geschehen soll.